In unserer menschlichen Entwicklung übersetzen sich diese äußeren Orte von willkommen heißender Sicherheit in Beziehung und Fürsorge – in innere Räume – in Erlebniswelten von Geborgenheit, Sicherheit und Zu-Hause-Sein. Und wenn diese Sicherheit einmal nicht so gegeben war, wie wir sie eigentlich gebraucht hätten: Was bedeutet „Zu Hause“ dann heute? Ich höre von Menschen, dass sie ihr Leben lang das Gefühl tragen, nie ganz bei sich angekommen zu sein. Unter stiller Anstrengung und Verausgabung unterwegs, auf der Suche nach Frieden. Nicht nur als ideale Vorstellung im Miteinander, sondern als echtes Innehalten und In-Verbindung-Kommen mit sich selbst und der Welt, in der sie leben.
Nach über zwanzig Jahren Arbeit mit Menschen in therapeutischen und begleitenden Kontexten – mit komplexen Traumabiografien, chronischen Erkrankungen, tief verwurzelten Mustern, die einmal sehr sinnvolle Strategien waren – stelle ich fest: So unterschiedlich die Anliegen und Biographien auch sind, so kreuzen sich diese Wege doch immer wieder in der ursprünglichen Suche nach diesem Zu-Hause-Sein.
Dieser erste Blogpost trägt daher den Titel : Coming Home und ist zugleich die Referenz meines Podcasts, den ich Euch ans Herz legen möchte, wenn es um die Komplexität von Psyche, Soma und Trauma geht.
Wir werden suchend geboren
Wir kommen als soziale Wesen auf die Welt. Mit einer unbedingten, biologisch verankerten Sehnsucht nach Kontakt und Verbindung und das ist nicht nur als eine Metapher zu verstehen, sondern gründet sich allein schon in der Neurobiologie unseres menschlichen Seins. Bindung ist Überleben. Gesehen und angenommen zu werden ist für ein Kind kein „nice to have“, sondern eine schlichte existenzielle Notwendigkeit – und sie bildet die Grundlage für das, was wir über uns selbst glauben. Wer wir heute sind, unsere Annahmen über uns und unseren Platz in der Welt wird in diesen frühen Momenten eindrücklich geformt.
Und dann passiert das Leben.
In den meisten Fällen, auch in liebevollen, fürsorglichen Familien, gibt es Momente, in denen diese Verbindung frustriert oder gar nicht erfüllt wird. Und das allein hat noch keinen pathologischen Wert. Ein Kind jedoch, das emotionale oder körperliche Fürsorge gar nicht oder nicht konsistent erlebt, tut das Einzige, was ihm bleibt: Es nimmt es persönlich. Die Verbindung zur Bindungsperson vor sich selbst zu priorisieren ist dann keine Wahl, sondern reine, menschliche Notwendigkeit. In unseren frühen Jahren existiert noch keine ausgereifte Vorstellung eines Ichs. Das Konzept unserer Persönlichkeit entsteht erst über Jahre und durch die Erfahrungen unserer Beziehungen. Der erlebte Mangel, ob emotional oder existenziell, wird so zur inneren Not.
Denn es ist sicherer für einen kleinen Menschen, den Mangel auf sich zu beziehen und selbst schuld zu sein, als bewusst existenziell abhängig zu sein von jemandem, der es nicht gut mit uns meint.
Wenn die Bezugsperson nicht erreichbar ist und ich nicht bekomme, was ich aber offensichtlich brauche um gut da sein zu können – dann muss es an mir liegen. Was muss ich anders machen? Wer muss ich sein, damit es besser wird?
Junge Menschen haben nicht die neurobiologische Kapazität, diesen Konflikt für sich zu überbrücken. Sie glauben, dass das, was sie erleben, Ausdruck ist von dem, was sie sind. Und so erlernen viele von uns, wie Beziehung gut genug oder eben sicher genug wird und was wir dafür tun müssen damit „Liebe“ bleibt.
Wir schließen stille Agreements. Leistungsbezogene Deals. Mit anderen. Vor allem aber: mit uns selbst.
Die Kosten dieser Agreements
Diese frühen Überlebensstrategien sind hochintelligent, in Beziehung funktional und sie kommen mit hohen Kosten. Diese werden oft erst im Erwachsenenalter sichtbar, wenn die ursprünglichen Erlebnisse längst vorbei sind, die einst hilfreichen Muster aber noch laufen.
Wer gelernt hat, eigene Bedürfnisse nicht wahrzunehmen oder klein zu halten, um Beziehung zu sichern, verliert mit der Zeit vor allem den Zugang zu sich selbst.
Viele Menschen begegnen dann massiver Wut, Vergeblichkeit, einer Art Entscheidungsschwäche oder Unsicherheit, wenn es um die eigenen Anliegen geht obwohl das, was da fehlt, weder Schwäche noch Unsicherheit ist.
Ich höre oft: Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich weiß vor allem, was ich nicht will. Aber was ich wirklich will, das ist kaum zu klären. Ein Satz, den ich vor einigen Jahren hörte, beschreibt dieses Entrücktsein sehr genau: „Man funktioniert. Man gibt. Man ist präsent für andere. Und gleichzeitig: ein bisschen fremd mit sich.“
Wenn wir in der Aufarbeitung unserer persönlichen Biografie an diese Schmerzpunkte gelangen, wird oft erst sichtbar, wie sehr diese Strategien Konzepte waren, die wir einmal brauchten, um eine frühere Welt zu navigieren und um in ihr annähernd sicher zu werden.
Der Weg zurück
Wenn wir beginnen, die frühen Annahmen über uns selbst, geprägt vor allem durch die Spiegelung oder Nicht-Spiegelung anderer, nicht länger einfach zu akzeptieren, sondern in Frage zu stellen und anhand dessen zu korrigieren, was wir heute für dieses Leben und unseren Platz in der Welt brauchen, dann entsteht oft zum ersten Mal echte Wahl.
Die Integration dieser Perspektiven ermöglicht dann eine Vervollständigung, unserer oft fragmentierten Idee von uns selbst, und der Möglichkeit, tatsächlich einen Platz in dieser Welt zu finden, der sicher und zugleich frei ist, verbunden und ganz für sich stehend.
Nicht durch Erinnern und Verstehen allein. Sondern durch die verkörperte Erfahrung unseres natürlichen Wollens, unseres Suchens und unseres Wunsches, einen ganz persönlichen Raum in dieser Welt einzunehmen und mitzugestalten.
Der Körper erinnert und er heilt.
Die Integration des Körpers liegt mir dabei besonders am Herzen und war mein eigener Weg in die Traumatherapie. In meiner Arbeit begegnete mir immer wieder der auffällige Zusammenhang zwischen traumatischen Erfahrungen – vor allem frühen und chronischen – und dem Auftreten von Autoimmunerkrankungen, chronischen Entzündungsprozessen und funktionellen Störungen.
Mit dem Weg in die Psychotraumatologie wurde mir klar: Das ist kein Zufall. Und vor allem keine Einbildung der Betroffenen, die sehr wohl klare Zusammenhänge zwischen ihrer Autoimmungeschichte und psychisch-emotionaler Belastung oder existenzieller Bedrohung herstellen konnten. Ich hatte über meine Praxis hinaus dafür lange keine Worte und bin heute vor allem entschlossen wütend darüber, wie lange wir als Gesellschaft und Versorgungssystem strukturelle Zusammenhänge nicht benannt und Betroffene damit allein gelassen haben.
Die Forschung aus dem Bereich der Psychoneuroimmunologie und der funktionellen Medizin zeigt seit mehr als zehn Jahren zunehmend klarer: Anhaltende Aktivierung des Stresssystems – als Reaktion auf unverarbeitete traumatische Erlebnisse – erhöht Entzündungsmarker, belastet das Immunsystem und begünstigt langfristig körperliche Erkrankungen. Der Körper spricht. Er spricht oft laut, wenn er nicht mehr anders gehört wird.
Coming Home schließt deshalb den Körper explizit ein: als zentralen Ort des Erlebens, der Verarbeitung und Integration. Die Frage „Wie erlebst Du das körperlich?“ ist für mich keine therapeutische Technik. Sie ist eine ernstgemeinte Einladung zur Rückkehr der eigenen Deutungshoheit und dem Wissen über sich selbst.
Coming Home als Einladung
Ich verstehe dieses Nach-Hause-Kommen nicht als gehyptes Ziel, das wir unter großer Disziplin und Anstrengung irgendwann erreichen oder als Olymp, der sich jenen öffnet, die gut genug an sich gearbeitet haben. Ich möchte in meiner Arbeit erinnern: an unser Geburtsrecht.
An das, womit wir in unserer Menschlichkeit auf diese Welt kommen. Und wir alle wissen, oder ahnen zumindest, für wen sich dieses Recht bisher noch nicht erfüllt hat. Mit dem Blick auf diese Welt tut es weh, das anzuerkennen. Und dennoch: Wir sind im Grunde gut geboren. Mit der Sehnsucht nach Verbindung und mit uns selbst als einem möglichen Ort der Sicherheit in diesem Leben.
Die Erlaubnis, das eigene Anliegen zu wahren, in der Begegnung mit anderen – ohne zu befürchten, dass das, was uns lieb und wichtig ist, dadurch gefährdet wird – ist ein Teil dieser Reise. Sicher der Frustration und der Liebe zu begegnen. Zu unterscheiden lernen. Weil das Ich in der Begegnung mit dem Anderen nicht erfordert, sich selbst herzugeben, sich aufzugeben oder zu verraten.
Ich höre von Menschen, wie sich eine fast nüchterne Lebendigkeit einstellt, wenn sie aufhören sich gegen das eigene Sein und wollen zu wehren.Wenn die Energie, die jahrelang dafür gebraucht wurde, jemand anderes zu sein, Erwartungen zu erfüllen, den Schmerz des Verlustes präventiv zu vermeiden eben nicht mehr täglich neu verhandelt werden muss und Wahlmöglichkeit entsteht. Dann sprechen wir vielleicht über das, worin wir uns in unserer Menschlichkeit wieder einig werden können.
Diese Erlaubnis zum eigenen Sein und Leben ist das Herzstück dessen, was ich mit dieser Einladung meine: die Erlaubnis, das Leben einzunehmen, das man sich einmal gewünscht hat. Die Person zu sein und zu werden, die wir im Kern immer waren und noch werden wollen. Mit sich selbst verbunden und lebendig. Zu Hause?
Was Dich im Podcast erwartet
In „Coming Home – Dein Podcast zu Psyche, Soma & Trauma“ werde ich diese Themen weiterdenken, vertiefen und konkret greifbar machen. Es geht um Traumaverarbeitung und innere Entwicklung genauso wie um die Verbindung von Körper und Psyche. Um Psychosomatik nicht als Schlagwort, sondern als Perspektive einer verkörperten Erfahrung und Wirklichkeit.
Ich bringe mit, was ich in über zwanzig Jahren Arbeit gelernt habe. Und ich lade Dich ein, Dich selbst dabei zu begleiten, auf Deinem eigenen Weg, für den ich Dir viel Zuversicht wünsche.
![[]](https://grosse-halbuer.com/wp-content/uploads/2025/05/IMG_7783.jpeg)